Cyberangriffe nehmen kontinuierlich zu – und betreffen längst nicht mehr nur Grosskonzerne. Auch kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) geraten zunehmend ins Visier von Cyberkriminellen. Fehlende Prozesse, unklare Zuständigkeiten oder mangelnde Vorbereitung führen im Ernstfall häufig zu Verzögerungen, unnötig hohen Kosten und erheblichen Reputationsschäden.
Umso wichtiger ist ein strukturiertes und wirksames Incident Response Management. Es stellt sicher, dass Unternehmen im Falle eines Cybersecurity Incident schnell, koordiniert und zielgerichtet reagieren können. Doch was macht ein effektives Incident Response Management konkret aus? Und welche Faktoren entscheiden darüber, ob die Massnahmen im Ernstfall tatsächlich greifen?
Dieser Artikel zeigt sechs zentrale Erfolgsfaktoren auf, die ein funktionierendes Incident Response Management auszeichnen – und wie Unternehmen ihre bestehenden Strukturen gezielt optimieren können.
Table of contents
- Über Incident Response Management
- 1. Standards als Grundlage für ein effektives IRM
- 2. Klare Rollen und Verantwortlichkeiten
- 3. Strukturierte Kommunikationsprozesse
- 4. Dokumentierte Entscheidungsgrundlagen und Playbooks
- 5. Technische Infrastruktur für Incident Response
- 6. Training & Lessons Learned: Übung macht den Meister
- Mit professionellem IRM sicher durch die Krise
Über Incident Response Management
Incident Response Management (IRM) bezeichnet die systematische Vorbereitung, Erkennung, Bewältigung und Nachbearbeitung von Cybersecurity Incidents. Ziel eines wirksamen IRM ist es, Sicherheitsvorfälle frühzeitig zu identifizieren, effizient darauf zu reagieren und die Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb, sensible Daten und die Reputation des Unternehmens möglichst gering zu halten.
Ein ganzheitliches Incident Response Management umfasst dabei nicht nur technische Massnahmen, sondern auch klare organisatorische Prozesse, definierte Rollen und Verantwortlichkeiten sowie eine strukturierte Kommunikation – intern wie extern.
Eine vertiefte Einführung in das Thema Incident Response Management, inklusive aktueller regulatorischer Anforderungen und konkreter erster Schritte beim Aufbau eines IRM, finden Sie im ergänzenden Blogartikel: «Titel».
Stehen Sie aktuell vor der Planung eines Incident-Response-Management-Systems oder verfügen Sie bereits über ein bestehendes IRM und möchten dessen Wirksamkeit überprüfen? Die folgenden sechs Erfolgsfaktoren zeigen, worauf es wirklich ankommt – und wie Sie Ihr Incident Response Management nachhaltig stärken.
1. Standards als Grundlage für ein effektives IRM
Ein erfolgreiches Incident Response Management (IRM) basiert nicht auf Zufall oder Improvisation, sondern auf etablierten Standards. Sie bündeln Best Practices und stellen sicher, dass keine kritischen Schritte übersehen werden. Sie bieten Organisationen eine solide Grundstruktur für den Umgang mit Cybersecurity Incidents und bilden damit eine zentrale Voraussetzung für ein wirksames und nachhaltiges Incident Response Management.
Die bekanntesten Standards im Incident Response Management folgen dabei denselben Kernprinzipien:
- Gründliche Vorbereitung
- Schnelle und koordinierte Reaktion
- Strukturierte Nachbearbeitung zur kontinuierlichen Verbesserung
Viele Organisationen entscheiden sich bewusst dafür, Elemente verschiedener Standards zu kombinieren und so eine individuell passende Incident-Response-Strategie zu entwickeln, die sowohl organisatorische als auch regulatorische Anforderungen abdeckt.
NIST: Rahmen für den gesamten Lebenszyklus
Das NIST Cybersecurity Framework sowie der spezifische Leitfaden NIST SP 800-61 beschreiben einen klaren Lebenszyklus für das Incident Response Management. Der Leitfaden unterteilt den Prozess in vier Hauptphasen:
- Preparation (Vorbereitung)
- Detection & Analysis (Erkennung & Analyse)
- Containment, Eradication & Recovery (Eindämmung, Beseitigung & Wiederherstellung)
- Post-Incident Activity (Nachbereitung & Lessons Learned)
Diese vier Phasen liefern praktische Implementierungsempfehlungen und Reifegradmodelle, mit denen sich der eigene Stand bewerten und schrittweise verbessern lässt.
Besonders geeignet ist NIST für Organisationen, die einen pragmatischen, international anerkannten Rahmen für ihr Incident Response Management suchen.izations looking for a pragmatic, internationally recognized framework for their incident response management.
ISO/IEC 27035: Vertiefung für ISO‑Organisationen
Dieser Standard beschreibt Incident Management als durchgängigen Prozess – von der Planung über die Erkennung und Beseitigung bis hin zu Lessons Learned und kontinuierlicher Verbesserung. Er bietet klare Rollen, Prozesse und Anknüpfungspunkte an bestehende ISO‑Strukturen.
Dadurch ergibt sich eine zusätzliche Hilfestellung zur Implementierung verschiedener Anforderungen aus ISO/IEC 27001 Anhang A. Der Standard ISO/IEC 27035 eignet sich daher insbesondere für europäische Unternehmen, die bereits ein Information Security Management System (ISMS) nach ISO/IEC 27001 betreiben oder eine entsprechende Zertifizierung anstreben.
SANS: Praxisnahe Umsetzung für das Incident Response Team
Das SANS Incident Response Framework ergänzt diese Managementstandards um eine stark praxisorientierte Perspektive. Mit konkreten Playbooks, Checklisten, Templates und Schulungen unterstützt SANS insbesondere Security- und IT-Teams im operativen Alltag. Der Fokus liegt auf klaren Handlungsanleitungen für typische Sicherheitsvorfälle und auf der schnellen, strukturierten Umsetzung von Incident-Response-Massnahmen.
Praxis-Tipp: Standards miteinander kombinieren
Nutzen Sie NIST als übergeordneten Rahmen und SANS für operative Playbooks und Team-Training. Betreiben Sie bereits ein ISMS nach ISO/IEC 27001 oder planen Sie die Zertifizierung, ergänzen Sie ISO/IEC 27035 für die nahtlose Integration in Ihr bestehendes Managementsystem. Für Unternehmen mit US-Kunden kann die Berücksichtigung von SOC-2-Anforderungen für Incident-Response-Prozesse zusätzlich relevant sein.
2. Klare Rollen und Verantwortlichkeiten
Selbst die besten Prozesse und Tools verlieren im Ernstfall an Wirkung, wenn unklar ist, wer welche Entscheidungen trifft, wer technische Analysen durchführt oder wer die Kommunikation steuert.
Typischerweise umfasst ein Incident Response Team folgende Funktionen:
- Incident Manager: Vorbereitung, Koordination und Entscheidungsfindung
- Security-Analysten: Technische Analyse und Forensik
- Communication Lead: Interne und externe Kommunikation
- IT Operations: Technische Umsetzung von Massnahmen
- Legal & Compliance: Rechtliche Bewertung und Einhaltung der Meldepflichten
- Business Process Owner: Unterstützung bei der Entscheidungsfindung in den betroffenen Geschäftsbereichen
- Krisenmanager: Übernahme der Koordination und Entscheidungsfindung, wenn ein Vorfall existenzbedrohend für das Unternehmen wird
Im Ernstfall muss klar sein, wer was entscheidet. Jedes Teammitglied muss seine Rolle und Verantwortung kennen.
Externe Rollen und Dienstleister
Ein professionelles Incident Response Management endet nicht an den Unternehmensgrenzen. Bestimmte Vorfälle – insbesondere komplexe Cyberangriffe, Ransomware oder Vorfälle mit rechtlichen Implikationen – erfordern spezialisierte Expertise, die häufig intern nicht verfügbar ist.
Folgende externe Dienstleister sollten bereits vor einem Incident vertraglich eingebunden und in die Prozesse integriert sein:
- Forensik– und Incident-Response-Dienstleister: Firmen, die auf digitale Forensik, Malware-Analyse und technische Incident-Unterstützung spezialisiert sind und bei komplexen Angriffen hinzugezogen werden können
- Externe SOC-/MDR-Dienstleister: Anbieter von Managed Detection and Response (MDR) Services, die rund um die Uhr Bedrohungen erkennen und im Ernstfall sofortige Unterstützung bieten
- Spezialisierte Anwaltskanzleien: Rechtsberatung zu Datenschutzverletzungen, regulatorischen Meldepflichten (DSGVO, NIS2), Vertragsrecht und möglichen Haftungsfragen
- Krisenberater und PR-Agenturen: Unterstützung bei externer Kommunikation, Medienanfragen und Reputationsmanagement
- Versicherungspartner (Cyber-Versicherung): Klärung von Leistungsansprüchen, Schadensmeldung und Koordination mit vom Versicherer beauftragten Dienstleistern
Vorbereitung ist essenziell: Im Ernstfall entscheiden Minuten – deshalb müssen Kontaktwege (24/7-Hotlines), Eskalationsprozesse, Autorisierungen zur Beauftragung und Modalitäten der Zusammenarbeit (z. B. Systemzugriff, Vertraulichkeit, Haftung, Stundenverrechnungssätze) bereits vorab geklärt und dokumentiert werden. Idealerweise werden externe Dienstleister in Übungen und Tabletop-Tests einbezogen, damit die Zusammenarbeit im Krisenfall reibungslos funktioniert.nvolved in exercises and tabletop tests to ensure that cooperation runs smoothly in the event of a crisis.
3. Strukturierte Kommunikationsprozesse
Ein weiterer zentraler Erfolgsfaktor im Incident Response Management ist eine klar geregelte interne und externe Kommunikation. Sicherheitsvorfälle entwickeln sich oft dynamisch und unter hohem Zeitdruck. Ohne definierte Kommunikations- und Eskalationsprozesse gehen wertvolle Minuten verloren – mit direkten Auswirkungen auf Schadenumfang, Compliance und Reputation. Ein professionelles IRM stellt deshalb sicher, dass Informationen zur richtigen Zeit bei den richtigen Personen ankommen.
Interne Kommunikation: Auf interner Ebene sind klare Eskalationspfade entscheidend. Vom First-Level-Support über das Incident Response Team bis hin zur Geschäftsführung muss eindeutig geregelt sein, wer wann informiert wird und wer Entscheidungen trifft. Diese Transparenz verhindert Verzögerungen, Doppelspurigkeiten und Unsicherheiten im Krisenfall.
Externe Kommunikation: Die externe Kommunikation ist ein kritischer Bestandteil des Incident Response Management, da im Fall einer Krise keine Zeit für Ad-hoc-Abstimmungen bleibt. Vorbereitete Prozesse und abgestimmte Vorlagen sind essenziell, insbesondere für:
- Kundenkommunikation
- Behördenmeldungen (DSGVO/revDSG: 72 Stunden!)
- Medienanfragen & öffentliche Meldungen
- Information der Stakeholder
In der Praxis zeigt sich klar: In einer Incident-Response-Situation zählt jede Minute. Organisationen, die ihre interne Eskalation und externe Kommunikation bereits im Rahmen ihres Incident Response Management definiert, getestet und dokumentiert haben, sind deutlich handlungsfähiger.
4. Dokumentierte Entscheidungsgrundlagen und Playbooks
Ein professionelles Incident Response Management (IRM) zeichnet sich dadurch aus, dass kritische Entscheidungen nicht erst im Moment höchster Anspannung diskutiert werden. Dokumentierte Grundlagen und standardisierte Playbooks sind das Immunsystem Ihres Unternehmens: Sie verhindern Improvisationsfehler unter Zeitdruck und schaffen eine objektive Handlungsbasis.
Entscheidungsgrundlagen: Leitplanken für das Management
Checklisten und Entscheidungsbäume ermöglichen es dem Team, in Stresssituationen strukturiert und nachvollziehbar zu handeln. Dokumentierte Grundlagen definieren vorab:
- Ab welchem Schweregrad ist die Geschäftsführung einzubinden?
- Unter welchen Bedingungen werden produktive Systeme abgeschaltet?
- Welche Kriterien rechtfertigen Lösegeldzahlungen, welche sprechen dagegen – und wer entscheidet?
Playbooks: Taktische Handlungsanleitungen
PlPlaybooks sind konkrete Handlungsanleitungen für spezifische Vorfalltypen. Typische Szenarien umfassen:
- Ransomware-Angriffe
- Datenlecks und Data Breaches
- DDoS-Angriffe
- Insider-Bedrohungen
- Supply-Chain-Angriffe
- Phishing-Kampagnen
Jedes Playbook beschreibt den vollständigen Incident-Response-Ablauf: von der Erkennung verdächtiger Aktivitäten über die Eindämmung und Beseitigung bis hin zur kontrollierten Wiederherstellung. Vordefinierte Checklisten stellen sicher, dass das Team auch unter Hochdruck systematisch vorgeht und keinen Schritt übersieht. Dies gewährleistet eine einheitliche und effiziente Reaktion – unabhängig davon, wer im Einsatz ist.
5. Technische Infrastruktur für Incident Response
Ohne die richtige technische Infrastruktur bleiben Prozesse und Playbooks reine Theorie. Zur technischen Basis eines professionellen IRM gehören:
- SIEM-Systeme (Security Information and Event Management): Diese Systeme überwachen sicherheitsrelevante Aktivitäten im gesamten Unternehmen und ermöglichen Echtzeit-Monitoring und Alarmierung im Falle verdächtiger Aktivitäten.
- EDR/XDR-Lösungen (Endpoint/Extended Detection and Response): Diese Lösungen erkennen verdächtige Aktivitäten auf Endgeräten, isolieren kompromittierte Systeme auf Wunsch automatisch und liefern forensische Daten für die Ursachenanalyse.
- Forensik-Tools: Diese spezialisierte Software zur Analyse von Malware, Speicherabbildern und Logdaten ermöglicht die Rekonstruktion des Angriffsverlaufs und die Identifikation der Eintrittsquelle.
- Sichere Kommunikationskanäle (Out-of-Band-Kommunikation): Wenn Unternehmenssysteme kompromittiert sind, muss das Incident Response Team über unabhängige Kanäle kommunizieren können – beispielsweise über separate Mobilgeräte, verschlüsselte Messenger oder dedizierte Krisenplattformen.
- Backup- und Recovery-Systeme: Getrennt vom Produktivnetz gesicherte, regelmässig getestete Backup- und Recovery-Prozesse sind insbesondere bei Ransomware-Angriffen oft die einzige Möglichkeit zur schnellen Wiederherstellung ohne Lösegeldzahlung.
- Threat Intelligence Feeds: Aktuelle Informationen über Angriffsmuster, typische verdächtige Aktivitäten und Schwachstellen helfen, Bedrohungen früher zu erkennen und gezielt darauf zu reagieren.
6. Training & Lessons Learned: Übung macht den Meister
Wie in jedem kritischen Bereich gilt auch im Incident Response Management: Wer nicht übt, verliert im Ernstfall wertvolle Zeit. Ein IRM ist kein statisches Dokument, sondern ein lebender Prozess, der durch Routine an Schlagkraft gewinnt. Nur wer die Abläufe trainiert, kann unter echtem Stress souverän agieren.
Effektive Übungsmethoden für das Incident Response Team
Je nach Zielsetzung helfen unterschiedliche Formate dabei, dass das Team und die Prozesse stets optimal aufgestellt sind:
- Tabletop-Übungen: Theoretisches Durchsprechen von Szenarien mit Fokus auf Entscheidungsprozesse und Kommunikation
- Simulierte Angriffe: Technische Tests der Incident-Response-Fähigkeiten in kontrollierter Umgebung – z. B. mit einem DFIR Readiness Assessment
- Red Team / Blue Team Übungen: Realistische Angriffssimulationen mit gegnerischer Perspektive
- Post-Incident Reviews: Strukturierte Analyse echter Vorfälle zur kontinuierlichen Verbesserung
Empfohlene Frequenz
Die Regelmässigkeit der Übungen ist entscheidend. Wir empfehlen mindestens einmal jährlich zu üben, bei kritischen Infrastrukturen oder regulierten Branchen halbjährlich bis quartalsweise. Das höhere Management sollte mindestens einmal jährlich an Tabletop-Übungen teilnehmen – nur so sind Entscheidungsprozesse unter Zeitdruck wirklich erprobt.
Mit professionellem IRM sicher durch die Krise
Ein durchdachtes Incident Response Management (IRM) entscheidet im Ernstfall über die Existenz Ihres Unternehmens. Die vorgestellten sechs Erfolgsfaktoren dienen Ihnen als konkrete Checkliste. Nutzen Sie sie, um den Reifegrad Ihres aktuellen IRM kritisch zu hinterfragen und gezielt zu verbessern. Ein professionelles Management ist kein statisches Ziel, sondern ein Prozess, der durch Struktur, Technik und regelmässige Praxis stetig wächst. Wer heute konsequent in die Vorbereitung investiert, reduziert im Ernstfall Ausfallzeiten und schützt nachhaltig die Reputation seines Unternehmens.
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